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Substanzgebrauch und Selbstmedikation bei Autismus und ADHS

Publicado
Servidor
Zenodo
DOI
10.5281/zenodo.18685103

Diese Arbeit untersucht funktionalen Substanzgebrauch bei neurodivergenten Menschen aus einer kulturwissenschaftlich informierten, neurodiversitätsorientierten Perspektive. Im Gegensatz zu gängigen Modellen, die Substanzgebrauch primär als Ausdruck individueller Fehlanpassung oder Sucht interpretieren, zeigt die Analyse, dass viele neurodivergente Menschen Substanzen nutzen, um sensorische Überlastung, emotionale Dysregulation, soziale Überforderung oder chronische Stresszustände zu regulieren. Substanzen übernehmen dabei Funktionen, die in einem idealen Versorgungssystem durch Diagnostik, Therapie und soziale Unterstützung abgedeckt wären. Die Arbeit zeigt, dass funktionaler Konsum nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern eingebettet ist in ein Gefüge aus diagnostischen Lücken, institutionellen Barrieren und gesellschaftlichen Normen. Unterdiagnostizierung, Fehldiagnosen und unpassende therapeutische Angebote tragen ebenso zur Entstehung funktionalen Konsums bei wie ableistische Sprachmuster und kulturelle Erwartungen an Anpassung und Produktivität. Diagnostik wird dabei nicht als rein medizinisches Verfahren verstanden, sondern als kulturelle Praxis, die soziale Ordnung herstellt und neurodivergente Lebensweisen häufig marginalisiert. Auf Grundlage qualitativer Daten, theoretischer Modelle und subjektiver Erfahrungsberichte entwickelt die Arbeit ein integratives Rahmenmodell, das funktionalen Substanzgebrauch als kontextabhängige Bewältigungsstrategie beschreibt. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass eine wirksame Prävention und Versorgung nicht allein auf individueller Ebene ansetzen kann, sondern strukturelle Veränderungen erfordert: ND‑sensible Diagnostik, barrierefreie therapeutische Angebote, partizipative Forschung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die neurodivergente Bedürfnisse ernst nehmen. Die Arbeit leistet damit einen Beitrag zu einem differenzierten Verständnis neurodivergenten Substanzgebrauchs und zeigt Wege auf, wie Versorgungssysteme gestaltet werden können, die neurodivergente Menschen nicht zur Anpassung zwingen, sondern ihnen ermöglichen, ihre Lebensrealität ohne ständige Überforderung zu gestalten.

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