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Substanzen als Werkzeuge der Selbstregulation: Zwischen Neurodivergenz, Kultur und der Biologie der Selbstmedikation

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Zenodo
DOI
10.5281/zenodo.18685420

Diese Arbeit entwickelt ein theoretisches Modell, das Substanzgebrauch im Kontext von Neurodivergenz als funktionale Form der Selbstregulation versteht. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass neurodivergente Menschen aufgrund sensorischer Besonderheiten, veränderter Stressphysiologie und unterschiedlicher interozeptiver Wahrnehmung häufiger Zustände erleben, die schwer zu regulieren sind. Substanzen werden in diesem Rahmen nicht primär hedonistisch genutzt, sondern erfüllen spezifische Funktionen: Sie dämpfen Überlastung, stabilisieren Aufmerksamkeit, erleichtern soziale Interaktion oder machen innere Zustände vorhersehbarer. Die Arbeit verbindet biologische, kulturelle und anthropologische Perspektiven. Sie zeigt, dass Substanzgebrauch evolutionäre Wurzeln besitzt, im Tierreich als Form der Selbstmedikation vorkommt und in menschlichen Kulturen seit Jahrtausenden in soziale, rituelle und medizinische Systeme eingebettet ist. Moderne Prohibitionslogiken werden als historisch junge, kulturell spezifische Narrative verstanden, die funktionale Aspekte des Substanzgebrauchs häufig überdecken. Im Zentrum steht ein Modell der Psychohygiene, das Substanzgebrauch als Teil eines dynamischen Gleichgewichts zwischen Belastung und Entlastung beschreibt. Die Grenze zwischen funktionaler und riskanter Nutzung wird dabei nicht pharmakologisch definiert, sondern ökologisch: Sie hängt von verfügbaren Ressourcen, sozialen Bedingungen und der Fähigkeit ab, innere Zustände wahrzunehmen und zu interpretieren. Aufklärung und Begleitung werden als zentrale Elemente eines reflektierten Umgangs mit Substanzen verstanden — nicht normativ, sondern befähigend. Diese Arbeit erhebt keinen therapeutischen Anspruch, sondern bietet einen theoretischen Rahmen, der neue Perspektiven auf Substanzgebrauch und Neurodivergenz eröffnet. Sie zeigt, dass ein differenziertes Verständnis nur möglich ist, wenn biologische, kulturelle und individuelle Ebenen gemeinsam betrachtet werden. Das Modell lädt dazu ein, Substanzgebrauch jenseits von Pathologisierung und Moralisierung zu denken und die Vielfalt menschlicher Selbstregulation ernst zu nehmen.

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